Mitarbeiter/-innen im Gesundheitswesen​

Moralischer Stress

„Läuft es in der Patientenversorgung manchmal nicht so wie es laufen sollte?
Gibt es Konflikte im Team, die immer wieder auftreten?
Besteht große Unsicherheit in wichtigen Behandlungsentscheidungen?

Dann könnte es sein, dass Sie oder Ihre Mitarbeiter mit moralischem Stress konfrontiert sind. Moralischer Stress bezeichnet psychische Reaktionen auf moralische Herausforderungen und tritt vermehrt bei Berufstätigen in der Medizin und Gesundheitsversorgung auf.“

Dieses Thema möchten wir auch im deutschsprachigen Raum präsenter machen und zum interdisziplinären Austausch anregen.

Zeichnungen: Ricarda P.

Veranstaltungen

"Ethik-First"

„Ethik first“ bietet die Möglichkeit, ein im klinischen Alltag erlebtes moralisches Dilemma anzusprechen und unter Anleitung zu reflektieren. Damit soll insbesondere medizinischen Berufsanfängern Hilfestellung für den Berufsalltag gegeben werden. Die monatlichen Fallkonferenzen werden durch Vorträge externer Referenten ergänzt.

Befragung zu Moralischem Stress bei Weiterbildungsassistenten/-innen in der Neurologie​

In einer webbasierten Umfrage haben wir im Jahr 2019 Ärzte/-innen in der Weiterbildung Neurologie mit einem selbst entwickelten Fragebogen zu moralisch herausfordernden Situationen in Ihrem Berufsalltag befragt.

Wir wollten erste Einblicke in das Erleben von Moralischem Stress bei neurologischen Assistenzärzten/-innen in deutschen Kliniken gewinnen. Außerdem wurden die Teilnehmer/-innen gefragt, was Ihnen in moralisch herausfordernden Situationen hilfreich erscheint.

107 Ärzte/-innen aus 56 Kliniken in ganz Deutschland nahmen teil. 96,3% der Teilnehmer hatten wöchentlich MD erlebt (3,86, SD 1,02), weil sie nicht die nötige Zeit in eine Patienten- oder Angehörigenberatung investieren konnten. Fehler in der medizinischen Versorgung, die nicht angemessen mit Patienten oder Angehörigen kommuniziert werden konnten, wurden als besonders belastend empfunden. Die häufigsten Auslöser für MD waren die steigenden Patientenzahlen, die Erwartungen der Angehörigen, die Angst vor rechtlichen Konsequenzen, die Anreize des DRG-Systems und der zunehmende Bürokratisierungsbedarf. 43,0 % der Teilnehmer gaben an, dass sie darüber nachdenken, den Bereich der stationären Pflege zu verlassen. 65,4% gaben an, dass sie sich mehr Unterstützung in Konfliktsituationen wünschen.

Für diese spezifische Berufsgruppe zeigte sich, dass Aspekte wie Rationierung, Ökonomisierung, Umgang mit Fehlern und andere Fragen, die primär ethischer Natur sind, einen großen Einfluss auf den Arbeitsalltag in der Neurologie haben. Damit sind die Ergebnisse besonders wichtig für Weiterbildungsbefugte und Chefärzte/-innen, aber auch für gesundheitspolitische Entscheidungen. 

Die Initiatorinnen

Dr. Katja Kühlmeyer

ist Wissenschaftlerin am Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin der LMU München.

Sie hat in Mainz und Tübingen Psychologie studiert und in der Medizinethik promoviert. Ihr Schwerpunkt liegt in der Untersuchung, Förderung und Evaluation ethisch begründeten Handelns in der Patientenversorgung.

Ihr Interesse an den gelebten Erfahrungen von Ärzt*innen, Pfleger*innen, Sozialarbeiter*innen und anderen Gesundheitsfachkräften hat sie zur Forschung über „moralischen Stress“ geführt.

Dr. Annette Rogge

ist Trainerin für Ethik im Gesundheitswesen. Sie ist Neurologin und seit 2022 Chefärztin der Neurologie der Nordseeklinik auf Helgoland.


Mit www.ethik-first.de hat sie 2017 ein Projekt gestartet, um dieses Thema für junge Arte/Ärztinnen zu adressieren.